Geste. Informel. Privat. Werke aus einer Privatsammlung (1952-1964)

15.01.2022 - 09.04.2022

Die Ausstellung zeigt mit rund 60 Werken einen repräsentativen Querschnitt durch die abstrakte und gestische Malerei der 1950er und 1960er Jahre in Deutschland. Mit diesen Werken des deutschen Informel präsentiert das Museum Peter August Böckstiegel erstmalig einen Ausschnitt aus einer privaten Sammlung und öffnet sich gleichzeitig für die Kunst der gegenstandslosen Malerei der Nachkriegsmoderne.

Nach zwölf Jahren Diktatur und der tiefgreifenden Zäsur des Zweiten Weltkrieges erwuchs in Deutschland schon bald das Bedürfnis nach einer großen künstlerischen Freiheit. So entstanden vielerorts avantgardistische Künstlergruppen wie die „Quadriga“, die 1952 in Frankfurt Arbeiten von Karl Otto Götz, Otto Greis und Heinz Kreutz und Bernard Schultze zeigte. Ihre Werke schlugen den Bogen von einem spontanen Malgestus bis hin zu einer völlig durchdachten Bildkomposition. Anderen Gruppierungen in Düsseldorf gehörten Künstler wie Peter Brüning, Karl Fred Dahmen, Winfred Gaul und Gerhard Hoehme an. In München gründete sich die Gruppe ZEN 49 mit Künstlern wie Rupprecht Geiger, Willi Baumeister, Rolf Cavael und Fritz Winter.

An vielen Orten im Nachkriegsdeutschland bildeten sich so Keimzellen des deutschen Informel. Sie spiegelten das Bemühen geistiger Gemeinschaft(en) um eine neue Kunst, bei der die individuelle Geste die malerische Aussage bildet und als Metapher für künstlerischen Aufbruch und Freiheit steht. Die große Bedeutung der neuen Kunstrichtung zeigt unter anderem, dass 1959 auf der documenta II in Kassel, die die Kunst nach 1945 thematisierte, alle international namhaften Vertreter des Informel teilnahmen – so auch fast alle Künstler dieser Ausstellung.

Die Schau in Werther stellt dabei keinen Anspruch auf kunsthistorische Vollständigkeit, dafür ist das Informel zu reich an unterschiedlichen Spielarten. Dennoch ist die Ausstellung ein eindrucksvolles Spiegelbild jener Zeit und präsentiert Werke aus einer privaten, ganz persönlich zusammengestellten Sammlung von höchster Qualität. Die ausgestellten Arbeiten loten die verschiedenen Formen und Varianten der Abstraktion aus: von der gestisch und frei geschwungenen Linie über fantasievolle, harmonische Farbspiele bis hin zu geometrischen, lose eingefügten Elementen. Und sie visualisieren eine künstlerische Haltung, die sich rhythmisch, intuitiv, impulsiv und vor allem dynamisch darstellt. Sie zieht bis heute konzeptuell und auf sinnlicher Ebene die Betrachter in den Bann.

Und immer stellt sich aus Sicht des Museums die Frage: „Was wäre, wenn?“ Denn Peter August Böckstiegel stirbt 1951, nach Jahren der Repressalien unter der NS-Diktatur und einem künstlerischen Neubeginn nach dem Zweiten Weltkrieg. Wie hätte sich der westfälische Expressionist zur zeitgenössischen Kunst der Nachkriegsjahre verhalten, wenn er länger gelebt hätte? Wie hätte er die Entwicklung junger Künstler gesehen, mit denen er in den 1940er Jahren noch gemeinsam ausstellte und die sich nach figürlichen Anfängen immer stärker der „Weltsprache der Abstraktion“ öffneten?